Wahrnehmen und Erkennen
Jedes von uns wahrgenommene Bild wurde bereits von unseren Wahrnehmungsorganen verarbeitet und durch die neuronale Verarbeitung abstrahiert und gefiltert. Wirklich naturgetreue Abbilder der Wirklichkeit können wir folglich gar nicht wahrnehmen.[1] Das Wahrgenommene wird kognitiv analysiert und miteinander verknüpft, wobei sich die Frage stellt, ob dieser Vorgang nicht schon als Erkenntnisleistung angesehen werden kann. Denn etwas wahrzunehmen, bedeutet auch etwas zu erkennen. In unserem Alltagsverständnis gibt es jedoch Unterschiede zwischen den Begriffen, entscheidet also der Spracheinsatz die Erkenntnis von der Wahrnehmung? Oder verläuft die Abgrenzung zwischen Erkennen und Wahrnehmen entlang der Grenze zwischen Bewusstem und Unbewussten ? So müssen wir uns der Erkenntnis bewusst werden um sie als solche wahrnehmen zu können, auch wenn dieser Prozess zunächst so manche unbewusste Phase durchlaufen haben muss. Ist die Erkenntnis befreit von emotionalen Einflüssen, während die Wahrnehmung ein rein sinnliches Erleben ist ?Eine klare Abgrenzung dieser Prozesse ist nicht möglich, wir sind jedoch verleitet Abgrenzungen sehen zu wollen obwohl dies unmöglich ist, da all diese Prozesse in unserem Kopf ablaufen[2].
[1] Brandstätter, Ursula, Erkenntnistheoretische Grundlagen, S.15, in Grundfragen der Ästhetik, 2008.
[2] Ebenda S.17.
Ästhetische Erfahrung und Wahrnehmung
Wahrnehmung unterteilt sich in das bewusst aufgenommene Beobachtete sowie den ständig im Hintergrund ablaufenden Prozess der automatisierten Umgebungswahrnehmung. So kann man sich sowohl auf die äußere Welt beziehen wie auch auf unsere Befindlichkeiten und auf fiktive Wahrnehmungsbilder unserer inneren Vorstellung. Dabei spielen bewusste wie auch unbewusste Vorgänge eine Rolle. Wahrnehmung zeichnet sich auch durch Zielgerichtetheit aus, das Bewusstwerden ist wesentlich für die Wahrnehmung.[1]
Ästhetische Wahrnehmung ist eine spezifische Form der sinnlichen Wahrnehmung. Sie ist geprägt durch eine besondere Zeiterfahrung. Man muss sich dafür Zeit nehmen, um sich das Wahrgenommene und den Moment bewusst zu machen; dadurch wird ein spezielles Bewusstsein für die Gegenwart erzeugt. Die ästhetische Wahrnehmung umfasst alle Merkmale der Dinge und ist nicht auf einzelne Sinne beschränkt. Keine ästhetische Wahrnehmung ist auf einen einzelnen Sinn beschränkt, bei der ästhetischen Wahrnehmung wird uns die synästhetische Verbindung der Sinne im Besonderen bewusst. Dies ist ein Phänomen, das schwer zu verbalisieren ist.[2]
Eine Steigerungsform der ästhetischen Wahrnehmung ist die ästhetische Erfahrung. Dabei wird auf die ästhetische Wahrnehmung aufgebaut, diese geht jedoch darüber hinaus, es kommt zu einer außergewöhnlichen Zeit- und Körpererfahrung.[3]
Die Frage, ob ästhetische Erfahrung zu Erkenntnis führt, kann im Grunde nicht abschließend beantwortet werden, genauso wenig wie die, ob Kunst zu einer spezifischen Art der Erkenntnis führen kann. Der ehemalige Philosophieprofessor und Kulturpublizist Konrad Paul Liesmann rückt in seinem Buch „Reiz und Rührung“ empfundene Aspekte wie Gefallen, Missfallen, Interesse, Grauen, Langeweile und Spannung in den Fokus der ästhetischen Erfahrung. Bedeutung gibt es jenseits der Kategorien Wahr und Falsch, mit denen im Zusammenhang mit ästhetischem Empfinden und Wahrnehmen nicht zielführend operiert werden kann. So stellt sich die Frage, ob eine ästhetische Erkenntnis nicht auch eine besondere Art der Erkenntnis darstellt. Der Kunstdidaktiker Gunter Otto klassifiziert diesen als eigenständigen Weg der Erkenntnis, die sich sowohl in der Rezeption wie auch im Praktischen ereignet.[4] Grundlegend für die ästhetische Erfahrung ist die sinnliche Wahrnehmung; dabei verbinden sich die optischen Eindrücke und Begriffe miteinander, auch wenn diese Begriffe zumeist nicht vollständig in begriffliches Erkennen münden, da diese an das sinnliche Erscheinen der Objekte gebunden sind, von denen sie ihren Ausgang nehmen. Das ästhetische Erkennen wirft wiederum mannigfaltige Fragen auf, die niemals zu einem eindeutigen Schlusspunkt führen können, da sie uns an Unbegreifbares heranführen, wofür wir ein besonderes Maß an Offenheit benötigen.[5]
Ästhetische Erfahrungen sind von einer besonderen Intensität gekennzeichnet, sie besitzen Alleinstellungsmerkmale und ereignen sich mit einer unberechenbaren Plötzlichkeit. Sie setzen unsere Zeitwahrnehmung außer Kraft und werden zu erinnerbaren Ereignissen.[6] Ästhetische Erkenntnis wird oft als metaphorische Erkenntnis charakterisiert, sie bewegt sich zwischen den Polen der verbalisierbaren Begrifflichkeiten und strukturierter Wahrnehmung, ohne zu einer Seite zu tendieren, und so bewegt sich die ästhetische Erfahrung zwischen dem Bestimmbaren und dem Außergewöhnlichen.[7]
Sinneswahrnehmungen sind stets an bestimmte Medien gebunden. Der dem Bildmedium zugeordnete Sehsinn hat für den Menschen eine zentrale Bedeutung, da er seine Orientierung in der Welt ermöglicht. Im Gehirn nimmt das dafür zuständige System den meisten Platz ein. So ermöglicht uns der Sehsinn, simultan zu erfassen, dabei erfolgt eine Zerteilung in das Subjekt, das etwas wahrnimmt, und das wahrgenommene Objekt. Das Subjekt gibt hierbei stets die Wahrnehmungsrichtung vor. Das Erkennen der Wirklichkeit kann nur aus der Distanz gelingen, und diese ist nur gegeben, wenn zwischen dem erkennenden Subjekt und der erkannten Welt eindeutig unterschieden werden kann. Jedoch berührt uns das Wahrgenommene nicht direkt körperlich. Auch wenn es keine Erkenntnis ohne emotionalen Bezug geben kann, gibt es Unterschiede, wie intensiv und bewusst das emotionale Erleben stattfindet. Natürlich können auch Bilder eine emotionale Wirkung entfalten und in uns starke Gefühle auslösen, trotzdem bleibt zwischen uns und dem wahrgenommenen Objekt immer eine gewisse Distanz
[1] Brandstätter, Ursula, Ästhetische Erfahrung und Wahrnehmung: Gibt es spezifische ästhetische Wahrnehmung? S. 99, in Grundfragen der Ästhetik, 2008.
[2] Ebenda S. 100.
[3] Ebenda S. 101.
[4] Brandstätter, Ursula, Ästhetische Erfahrung und Erkenntnis: Führt die ästhetische Erfahrung zu Erkenntnis? S. 103, in Grundfragen der Ästhetik, 2008.
[5] Ebenda S. 104.
[6] Brandstätter, Ursula, Ästhetische Erfahrung und Zeit: Setzt die ästhetische Erfahrung die Zeit außer Kraft? S. 117, in Grundfragen der Ästhetik, 2008.
[7] Ebenda, S. 118.